Lesen unter der Bettdecke schadet den
Augen, stimmt’s?

Seh-Märchen vs. Seh-Fakten

Lesen unter der Bettdecke schlecht für die Augen

Ist Lesen unter der Bettdecke wirklich schlecht für die Augen? (Foto: vnosokin © iStockphoto.com)

„Kind, du verdirbst dir die Augen!“ – Und schon vergeht dem Sprössling der Spaß am heimlichen Lesen unter der Bettdecke. Doch ist wirklich was dran an den mahnenden Worten ganzer Elterngenerationen?

Wie funktioniert das Sehen bei Dämmerlicht?

Nicht nur bei Schummerlicht, sondern generell bei schlechten Lichtverhältnissen arbeiten die Augen mit anderen Mitteln als bei Tageslicht oder heller Beleuchtung. So stellt sich zum einen die Pupille auf unterschiedliche Helligkeitsverhältnisse ein: Wenn es um sie herum dunkel ist, weitet sie sich. Sie lässt von dem noch vorhandenen Licht so viel auf die Netzhaut durch, wie für eine möglichst gute Wahrnehmung nötig ist. Umgekehrt heißt das: Je heller, desto kleiner die Pupille – das bewahrt die Netzhaut auch vor Schaden.

Des Weiteren tun die verschiedenen Fotorezeptoren in der Netzhaut ihren Dienst. Die Stäbchen sind die Hell-Dunkel-Seher in einer Umgebung, die wenig Licht zu bieten hat. Sie nehmen Grautöne, aber keine Farben wahr. Diese besonders lichtempfindlichen Sinneszellen enthalten den Sehfarbstoff Rhodopsin (Sehpurpur). Die kleinste Lichteinwirkung lässt den Sehpurpur zerfallen, was den Sehimpuls auslöst. Der Sehfarbstoff baut sich bei Dämmerung und Dunkelheit immer wieder neu auf.

Aber welches Kind will schon sein Lieblingsbuch nur Grau in Grau unter der Bettdecke erahnen? Mit Taschenlampe kommen Farbe und schärferes Sehen ins Spiel. Dafür sind die Zapfen in der Netzhaut zuständig. Sie verrichten ihren Dienst am Tage oder bei hellem künstlichem Licht.

Kann Dämmerlicht die Augen abnutzen?

Das gesunde menschliche Auge kommt auch mit wenig Licht klar. Seine geniale Konstruktion und Funktionsweise können sich auf geringe Helligkeit einstellen. Das Sehen bei Dämmerung, Schummerlicht oder in der Nacht strengt die Augen allerdings mehr an. Aber selbst die ausdauerndste Leseratte ist irgendwann müde und schließt die Augen. Sie können sich dann im Schlaf erholen.

Gefährdet Lesen unter der Bettdecke das Sehvermögen von Kindern?

Diese Sorge ist durchaus berechtigt. Das Problem liegt im nahen Leseabstand – und auch in den schlechteren Lichtverhältnissen.

Buchstaben und Bilder scharf in der Nähe sehen bedeutet Anspannung für den Ziliarmuskel des Auges. Dadurch erhält die Linse die gewünschte Rundung, um auf der Netzhaut ein scharfes Bild entstehen zu lassen. Lang anhaltende Nahsicht allerdings regt den Augapfel an zu wachsen – und ein zu langer Augapfel ist eine Ursache für Kurzsichtigkeit (Myopie).

Wie ein Wachstumsbeschleuniger für den Augapfel des Kindes wirkt auch zu wenig Licht. Ist es nämlich nicht hell genug, wird weniger vom Botenstoff Dopamin freigesetzt. Dieser Mangel fördert das Längenwachstum des kindlichen Augapfels – Kurzsichtigkeit bahnt sich an.

Kurzsichtigkeit lässt sich zwar mit Brille oder Kontaktlinsen korrigieren, doch die Gefahr lauert in späteren schwerwiegenden Folgeerkrankungen wie Netzhautablösung, Grüner Star oder Makuladegeneration.

Wie lässt sich bei lesebegeisterten Kindern einem Augenschaden vorbeugen?

Schmökert eine kleine Leseratte mit gesunden Augen nicht stundenlang unter der Bettdecke, ist das ziemlich unbedenklich. Allerdings sollten Kinder mit einer vorhandenen Sehschwäche beim Blick ins Buch immer auf gute Bedingungen achten. Dazu gehören genügend Helligkeit, ausreichender Leseabstand und das Tragen der verordneten Brille oder Kontaktlinsen.

Eine ganz einfache Maßnahme kann der Kurzsichtigkeit vorbeugen: Eltern sollten ihre Sprösslinge mindestens zwei Stunden täglich raus an die frische Luft schicken. Das Tageslicht fördert die Freisetzung von Dopamin, und das wiederum bremst das Längenwachstum des kindlichen Augapfels.

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