Andere Länder, andere Brillen?

Kurzsichtigkeit
Ist Kurzsichtigkeit in Europa und Asien gleichmäßig verbreitet? © Prostock-Studio / istockphoto.com

Gibt es internationale Unterschiede in der Zahl der Brillenträger*innen? Es gibt sie. In Asien waren 2020 über 50 Prozent der Bevölkerung kurzsichtig. In Europa sind es etwa 35 Prozent und in Afrika nur rund 10 Prozent. Auffällig ist die Zahl der Brillenträger*innen in den großen Städten Ostasiens. So waren bei ihrer Musterung 2012 in Seoul sogar 97 Prozent der Jugendlichen kurzsichtig. Damit ist der Anteil kurzsichtiger Erwachsener auf der koreanischen Halbinsel mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland mit rund 30 Prozent.

Wann entsteht Kurzsichtigkeit?

Kurzsichtigkeit kann ab etwa dem siebten Lebensjahr entstehen. Nach der Geburt sind Kinder zunächst weitsichtig. Bei Frühgeborenen kann das anders sein.
Das Auge entwickelt sich erst nach und nach. Es wächst, lernt scharf zu stellen und passt sich an seine Umgebung an. Wie sich das Auge dabei entwickelt, hängt stark davon ab, wie und wo wir aufwachsen.

Bei kurzsichtigen Menschen ist der Augapfel zu stark in die Länge gewachsen. Dazu ein Zahlenbeispiel: Der menschliche Augapfel ist normalerweise und im Durchschnitt 24 Millimeter lang. Ist er einen Millimeter länger, liegt eine Kurzsichtigkeit von minus drei Dioptrien vor. Bei zwei Millimetern zusätzlicher Länge sind es schon minus sechs Dioptrien. Das gilt als eine starke Myopie.

Was sind Risikofaktoren für Kurzsichtigkeit?

Als entscheidend für das Wachstum des Auges gelten vor allem zwei Einflüsse: die Veranlagung und die Umgebung.
Myopie kann vererbt werden. Sind beide Eltern kurzsichtig, entwickeln im Durchschnitt rund 60 Prozent der Kinder ebenfalls eine Kurzsichtigkeit. Ebenso prägt das Umfeld das heranwachsende Auge. Sind Kinder zu wenig im Freien, wächst das Auge häufiger stärker in die Länge. Tageslicht fördert die Ausschüttung von Dopamin in der Netzhaut und kann dieses Wachstum bremsen.

Dopamin spielt eine entscheidende Rolle beim Wachstum des Auges. Studien in Australien zeigen, dass dieser Botenstoff neben seinem positiven Einfluss auf die Reaktionsfähigkeit der Netzhaut auch ein übermäßiges Wachsen des Augapfels hemmen kann. Vereinfacht gesagt. Im Detail sind die Zusammenhänge deutlich komplexer.

Warum sind Viel-Leser*innen kurzsichtig?

Häufige Naharbeit und lang andauernde Bildschirmnutzung gehen mit einem erhöhten Risiko für Myopie bei Kindern und Jugendlichen einher. Das ist inzwischen in zahlreichen Studien belegt. Menschen, die viel Zeit mit Lesen, Schreiben oder intensiver Display-Nutzung verbringen, haben im Durchschnitt eine höhere Wahrscheinlichkeit für Kurzsichtigkeit als Gleichaltrige, die weniger Naharbeit verrichten.

Das bedeutet nicht, dass jeder, der viel liest oder Bildschirme nutzt, automatisch kurzsichtig wird. In der Summe deuten viele Studien jedoch darauf hin, dass ein längerer Zeitraum intensiver Nahsicht, besonders über Stunden am Stück, das Risiko für Myopie erhöhen kann.

Zudem verbringen Kinder, die oft und lange Smartphone, Tablet und Co. nutzen, häufig weniger Zeit im Freien. Das reduziert den schützenden Effekt des natürlichen Lichts und lässt das Risiko weiter steigen. Welche Faktoren den stärksten Einfluss haben und wie sie genau zusammenwirken, wird weltweit weiterhin untersucht.

In der Pause raus ans Licht

Zahlreiche Studien zeigen, dass regelmäßiger Aufenthalt im Freien das Risiko für Kurzsichtigkeit bei Kindern senken kann. Ein entscheidender Faktor sind dabei die Lichtverhältnisse. In Innenräumen liegt die Lichtintensität häufig bei weniger als 500 Lux. Draußen werden selbst an einem bewölkten Tag Werte von über 10 000 Lux erreicht.

Die Schlussfolgerung: Verbringen Vorschul- und Schulkinder täglich etwa zwei Stunden im Freien, kann sich das Auge normal entwickeln und dem Einfluss der Umgebung auf die Entstehung von Kurzsichtigkeit wird entgegengewirkt.
Auch in vielen asiatischen Ländern wird diesem Zusammenhang inzwischen Rechnung getragen. Lehrkräfte achten dort verstärkt darauf, dass Kinder ihre Pausen draußen verbringen.

Früher erkennen, gezielt begleiten

Mit steigender Dioptrienzahl wächst auch das Risiko, im späteren Leben an schweren Augenerkrankungen zu leiden. Deshalb ist es sinnvoll, bei Kindern frühzeitig hinzuschauen und regelmäßige Untersuchungen wahrzunehmen. So lässt sich bei Bedarf rechtzeitig reagieren.

Lange gab es kaum Möglichkeiten, die Entstehung oder das Fortschreiten einer Kurzsichtigkeit gezielt zu beeinflussen. Heute stehen in spezialisierten augenärztlichen Praxen und augenoptischen Fachbetrieben neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zur Verfügung, mit denen sich die Entwicklung der Kurzsichtigkeit bei Schulkindern begleiten und in vielen Fällen verlangsamen lässt. Dazu zählen unter anderem Atropin Augentropfen, spezielle Brillengläser oder multifokale Kontaktlinsen. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt vom einzelnen Kind und seiner Sehentwicklung ab.

Mehr darüber, wie sich Kurzsichtigkeit bei Kindern begleiten lässt, findest du unter
https://www.sehen.de/sehen/kind-und-sehen/myopie-management-bei-kindern/

Weitere Hintergründe zur Vorbeugung starker Myopie folgen in einem anderen Sehmärchen.

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