Sehen wie in Stop-Motion?

Wenn Bewegung zur Diashow wird
Kennst du das aus alten Cartoons? Pechvogel Donald Duck rennt in vollem Tempo über eine Klippe. Aber anstatt sofort in die Tiefe zu stürzen, verharrt er wie eingefroren in der Luft. Die Zeit steht still. Erst als er nach unten schaut oder ein Vogel unter ihm hindurchfliegt, realisiert er, dass der Boden fehlt – und WOOSH! – er fällt.
So ähnlich könnte sich das Leben mit einer extrem seltenen Sehstörung anfühlen: der Akinetopsie, auch „Bewegungsblindheit“ genannt.
Was kann Akinetopsie auslösen?
Die Ursache liegt meist in einer Schädigung des sogenannten Gehirnareals MT – auch bekannt als visuelles Areal V5. Dieser Bereich liegt im mittleren temporalen Kortex und ist für die Bewegungswahrnehmung zuständig. Das Besondere: Es gibt ihn auf beiden Seiten des Gehirns. Deshalb ist Akinetopsie nur dann möglich, wenn beide Areale betroffen sind. Wird nur eine Seite geschädigt, kann die andere oft ausgleichen.
Typische Auslöser sind:
- Schlaganfälle oder Hirnblutungen
- Schädel-Hirn-Traumata
- Alzheimer-Erkrankung
- Nebenwirkungen bestimmter Medikamente (z. B. Antidepressiva) – die gute Nachricht: Nach dem Absetzen der Medikamente verschwinden die Symptome größtenteils wieder.
Wenn das Gehirn Bewegung nicht erkennt
Stell dir vor, ein Film würde nur mit wenigen Bildern pro Sekunde ablaufen – genau so sehen Betroffene ihre Umwelt. Besonders schwierig wird es, wenn viele Dinge gleichzeitig in Bewegung sind: im Straßenverkehr zum Beispiel, wo Autos, Fußgänger, Fahrräder, Ampeln und Bäume im Wind durcheinanderwirbeln.
Wie soll man da sicher eine Straße überqueren, wenn alles nur in Sprungbildern erscheint und man nicht wahrnehmen kann, wo sich ein fahrendes Auto gerade befindet?
Ein Leben mit Standbildern
Frau M. ist 56 Jahre alt und hat vor einigen Jahren nach einem Schlaganfall Akinetopsie entwickelt. Sie beschreibt ihre Wahrnehmung als „Lücken im Film“.
Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie die Autos nicht fahren, sondern wie aufeinanderfolgende Standbilder. Es ist, als würde sie eine Reihe von Fotos betrachten. Eine Person, die vor ihr läuft, taucht plötzlich ein Stück weiter vorne auf – der Weg dazwischen bleibt unsichtbar.
Auch beim Einschenken ihres Tees am Morgen gibt es Überraschungen: Das Wasser scheint in der Tasse plötzlich anzusteigen, ohne dass sie es fließen sieht. Und manchmal läuft die Tasse über. Deshalb hält Frau M. einen Finger in die Tasse und stoppt das Eingießen, wenn es am Finger heiß wird.
Wie kann das Leben trotzdem gelingen?
Frau M. verlässt sich auf ihre Ohren. Geräusche helfen ihr zu erkennen, ob sich etwas nähert oder entfernt. Sie bewegt sich bewusst langsam, bleibt oft stehen und scannt ihre Umgebung.
Ihre vertraute Umgebung ist kaum noch ein Problem. Wege außerhalb der Wohnung plant sie sorgsam. Für Wege draußen bittet sie Freund*innen um Begleitung – oder plant ihre Route sorgfältig. Stück für Stück setzt sie die Einzelbilder zu einem neuen, eigenen Film zusammen – ihrem Film vom Alltag.
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