Kannst Du mit den Augen sprechen?

Können Augen wirklich reden?
Ob Freude, Wut oder Überraschung – unsere Augen verraten viel über unsere Gefühle. | © Deagreez / istockphoto.com

Die Antwort ist ein klares „Ja“. Da die Augen ein wichtiger Teil deiner gesamten Mimik sind, gelten sie sprichwörtlich als „Spiegel der Seele“. Ob Du gelangweilt bist oder weinst, ob Deine Augen zornig blitzen oder vor Freude strahlen – sie reden so ziemlich immer mit. Doch was passiert, wenn wir die Augensprache unseres Gegenübers nicht sehen können?

Wenn die Augen plötzlich schweigen

Erinnerst Du Dich, wie Dich neulich ein Tourist mit Sonnenbrille angesprochen hat? „Excuse me, please …“, dann hat er seine Brille kurz angehoben, gelächelt und Dich nach dem Weg gefragt. Plötzlich konntest Du seine Augen sehen. Dieser Blickkontakt war höflich und sorgte – schnell wie ein Wimpernschlag – für Vertrauen. Die Szene zeigt, wie wichtig die Augen für unsere Verständigung sein können.

Doch welche Gefühle erkennen wir an den Augen besonders gut – und welche bleiben ohne den Rest des Gesichts rätselhaft?
Dazu gibt es immer wieder interessante Erkenntnisse aus Psychologie und Hirnforschung.

Sonnenbrillen wirken cool. Oder anders gesagt: unterkühlt

Schon Babys suchen in Gesichtern nach wichtigen Hinweisen. Dabei betrachten sie besonders häufig die Augen und den Mund. Der Blick ihrer Eltern hilft ihnen unter anderem dabei, Aufmerksamkeit zu teilen und Situationen einzuordnen. Verdeckt eine Sonnenbrille die Augen, fehlt ihnen deshalb ein Teil dieser Informationen.

Das ist ungefähr so, als hättest Du eine Landkarte, bei der ein Teil der Straßen fehlt. Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Baby seine Eltern hinter einer Sonnenbrille nicht mehr erkennt. Stimme, Berührung, Geruch und der sichtbare Teil des Gesichts sprechen schließlich ebenfalls mit. Aber der Blickkontakt ist ein besonders wichtiger Teil des ersten wortlosen Dialogs.

Dein Blick spricht Bände

Emotionen werden in unterschiedlichen Bereichen des Gesichts sichtbar. Für Angst und Ärger liefern Augen und Augenbrauen besonders wichtige Hinweise. Freude erkennen wir dagegen häufig auch am Mund – bei einem echten Lächeln verändern sich jedoch zusätzlich die Augenwinkel.

Studien während der Pandemie zeigten zudem, dass sich Gefühle hinter einer Mund-Nasen-Maske insgesamt schlechter erkennen ließen. Angst wurde dabei häufiger mit Überraschung verwechselt. Vermutlich fehlten wichtige Hinweise aus der unteren Gesichtshälfte. Denn einzelne Gesichtsteile sprechen nicht allein – erst ihr Zusammenspiel ergibt das ganze Bild.

Spiel-Tipp: Probiere es mit Deinen Freunden einmal aus: Eine Person zeigt ein Gefühl, die anderen raten. Zuerst bleibt das ganze Gesicht sichtbar, dann wird der Mund verdeckt. In der letzten Runde kommt noch eine tiefschwarze Sonnenbrille dazu. Welche Gefühle erkennt Ihr weiterhin – und wann liegt Ihr völlig daneben? Huah!  

Ohne Worte etwas erzählen, das geht!

Nonverbale Kommunikation – das ist der Fachbegriff für Verständigung ohne Worte. Sie umfasst Dein gesamtes körperliches Repertoire, also Haltung, Arme, Hände, Deinen Blick und Deine Mimik. Die Mimik, also Dein Gesichtsausdruck, ist ein wichtiger Kanal der nonverbalen Kommunikation.

Weit geöffnete Augen und hochgezogene Augenbrauen können zum Beispiel Überraschung oder Angst zeigen. Bei echter Freude lachen die Augen dagegen oft mit: Die Wangen heben sich und an den äußeren Augenwinkeln entstehen kleine Fältchen. Bist Du ärgerlich oder genervt, verengen sich Deine Augen möglicherweise und Du ziehst unbewusst Deine Augenbrauen zusammen. Vielleicht entsteht dabei sogar eine Zornesfalte auf der Stirn? Das ist Mimik!
Dein Gegenüber kann Dein Gefühl vermutlich erraten. Sicher ist das aber nicht: Derselbe Gesichtsausdruck kann je nach Situation und Mensch etwas anderes bedeuten.

Macht ein wütender Blick die Augen müde?

Keine Sorge: Lachen, Weinen, Stirnrunzeln oder ein böser Blick schaden den Augen nicht. Auch gelegentliches Zusammenkneifen macht sie nicht kaputt. Wer die Augen jedoch ständig zusammenkneift, weil etwas unscharf ist oder blendet, spannt die Muskeln rund um die Augen dauerhaft an. Das kann unangenehm werden und Kopfschmerzen begünstigen, verursacht aber keine bleibenden Augenschäden.

Häufiges Blinzeln oder Zusammenkneifen kann trotzdem ein Hinweis darauf sein, dass die Augen trocken sind, stark geblendet werden oder eine Brille nötig sein könnte. Dann lohnt sich ein Seh-Check.

Augensprache – versteht die wirklich jede und jeder?

Das Erkennen von Gesichtsausdrücken galt lange als universelle Eigenschaft. Dass die Sprache der Mimik für Menschen aller Kulturkreise verständlich sei, begründete vor allem der US-amerikanische Psychologe Paul Ekman mit seinen Forschungen seit den 1960er-Jahren. In seinen Untersuchungen zeigte er Menschen aus unterschiedlichen Kulturen Fotografien deutlich dargestellter Gefühle. Besonders häufig erkannten sie die sogenannten Basisemotionen Freude, Wut, Trauer, Angst, Überraschung und Ekel.

Allerdings waren die gezeigten Gesichtsausdrücke oft besonders eindeutig und die Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Im echten Leben ist Mimik meist viel feiner – und deshalb schwerer zu entschlüsseln.

Teste das! Mach Selfies von Deiner Mimik und lass andere bestimmen, welchen Ausdruck sie darin erkennen. Gute Tipps zum Fotografieren ohne rote Augen findest Du hier.

Augen? Mund? Mimik hat verschiedene Dialekte

Neuere Forschungen entdeckten feine Unterschiede im Erkennen von emotionalen Stimmungen. Unsere Kultur kann mitbestimmen, auf welche Teile eines Gesichts wir besonders achten.

Der japanische Sozialpsychologe Masaki Yuki und sein Forschungsteam fanden beispielsweise heraus: Japanische Versuchspersonen achteten beim Einschätzen von Gefühlen stärker auf die Augen, amerikanische stärker auf den Mund. Das bedeutet nicht, dass alle Menschen eines Landes Gesichter auf dieselbe Weise lesen. Es zeigt aber: Auch die vermeintlich wortlose Sprache der Mimik kann kulturelle Dialekte haben.

Sogar Emoticons verraten diesen Unterschied: Während bei uns häufig der stilisierte Mund das Gefühl kennzeichnet und 🙂 Freude bedeutet, verändern japanische Emoticons oft vor allem die Augen. Freude kann dort zum Beispiel so aussehen: (^_^)

Ob Freude, Wut oder Überraschung: Unsere Augen reden kräftig mit. Ganz allein erzählen sie aber selten die ganze Geschichte. Erst Augen, Mund, Stimme, Körperhaltung und die jeweilige Situation machen verständlich, was ein Mensch wirklich ausdrücken möchte.

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